
Kaum ein Autohersteller hat in den vergangenen Jahren so viel riskiert wie Jaguar. Die britische Traditionsmarke hat ihre komplette Modellpalette eingestellt, das Logo ausgetauscht und sich eine bewusste Verkaufspause verordnet. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es auf dem Heimatmarkt keine neuen Jaguar-Modelle zu kaufen. Im Oktober 2026 soll mit dem Type 01 nun das erste Fahrzeug der neuen, rein elektrischen Ära enthüllt werden. Doch kann ein einziges Auto ausreichen, um eine 90 Jahre alte Marke komplett neu zu erfinden?
Ein Neuanfang ohne Sicherheitsnetz
Die Ausgangslage war ernüchternd: Jaguar versuchte jahrelang, mit den deutschen Premiumherstellern BMW, Mercedes und Audi zu konkurrieren, doch wirtschaftlich ging diese Rechnung nie auf. Die Konzernmutter JLR, die zum indischen Tata-Konzern gehört, zog deshalb 2021 die Reißleine und beschloss eine radikale Neupositionierung. Statt Volumenmodellen im Premiumsegment soll Jaguar künftig ausschließlich elektrische Luxusfahrzeuge deutlich oberhalb der 100.000-Euro-Marke anbieten.
Der Bruch mit der Vergangenheit ist dabei gewollt und sichtbar. Der springende Jaguar, der seit 1982 die Fahrzeuge zierte, wich einem schlichten, kleingeschriebenen Schriftzug. Die Raubkatze bleibt lediglich als stilisierte Silhouette erhalten. Auch der Vertrieb wird neu gedacht. Statt klassischer Autohäuser sind exklusive Verkaufsräume in den Luxusmeilen der Weltmetropolen geplant, etwa in der Londoner Bond Street. Die Präsentation des Konzeptfahrzeugs Type 00 im Dezember 2024 in Miami löste eine hitzige Debatte aus und genau das war offenbar beabsichtigt. Jaguar-CEO Rawdon Glover betonte mehrfach, dass großartiges Design polarisieren dürfe und die Marke bewusst nicht jedem gefallen wolle.
Type 01: Ein Name mit 75 Jahren Geschichte
Die Serienversion trägt den Namen Type 01, gesprochen „Type Zero One“. Die Nomenklatur folgt einer klaren Logik. Die Null steht für null Emissionen und damit für den Elektroantrieb, die Eins markiert das erste Serienmodell der neuen Ära. Gleichzeitig knüpft der Zusatz „Type“ an die glorreichsten Kapitel der Markengeschichte an. Der C-Type gewann 1951 die 24 Stunden von Le Mans, der D-Type und vor allem der legendäre E-Type machten Jaguar zur Stilikone. Der Marktstart fällt zudem in ein symbolträchtiges Jahr. 2026 jährt sich die Vorstellung des ersten Jaguar-Modells, der SS Jaguar Saloon von 1935, zum 90. Mal.
Über 1.000 PS und Formel-E-Technik

Technisch positioniert sich der Type 01 als das leistungsstärkste Serienmodell, das Jaguar je gebaut hat. Der viertürige Gran Turismo basiert auf der neu entwickelten Jaguar Electric Architecture und setzt auf drei Elektromotoren. Einen an der Vorderachse, zwei an der Hinterachse. Zusammen leisten sie mehr als 1.000 PS und stellen über 1.300 Newtonmeter Drehmoment bereit. In die Entwicklung fließt zudem Know-how aus dem Formel-E-Engagement von Jaguar TCS Racing ein, insbesondere bei Rekuperation und Ladeleistung.
Die Batterie fasst rund 120 Kilowattstunden, die Reichweite soll nach WLTP-Norm bei etwa 700 Kilometern liegen. Dank 800-Volt-Architektur sind Ladeleistungen von bis zu 350 Kilowatt möglich. In nur 15 Minuten lässt sich damit Energie für mehr als 300 Kilometer nachladen.
Praktisches Detail: Ladeanschlüsse sind an beiden vorderen Kotflügeln vorgesehen. Mit rund 5,2 Metern Länge, einem gewaltigen Radstand von 3,2 Metern und serienmäßigen 23-Zoll-Rädern fährt der Type 01 zudem in einer Dimension vor, die eher an amerikanische Ultra-Luxus-Stromer wie den Cadillac Celestiq erinnert als an bisherige Jaguar-Limousinen.
Design als Kampfansage
Erlkönigbilder aus Monaco zeigen, dass die Serienversion erstaunlich nah am polarisierenden Konzeptfahrzeug bleibt. Die lange Motorhaube, die monolithische Silhouette und das fehlende Heckfenster wurden weitgehend übernommen. Der größte Unterschied sind die vier Türen mit bündig integrierten Griffen statt der zwei Türen der Studie. Markantestes Erkennungszeichen ist die sogenannte Strikethrough-Grafik, ein Querstreifen am Übergang von Motorhaube zu Windschutzscheibe, der künftig alle neuen Jaguar-Modelle prägen soll. Die eingeschränkte Rundumsicht durch schmale Seitenscheiben und das geschlossene Heck sollen Kameras kompensieren.
Premiere in New York, Marktstart 2027
Die Weltpremiere ist für Oktober 2026 in New York angekündigt. Laut JLR-Management im Rahmen eines besonders aufwendig inszenierten Launch-Events. Die Wahl des Standorts unterstreicht, dass die USA trotz der dort zurückgefahrenen Emissionsvorgaben als Schlüsselmarkt gelten. Bestellungen sollen kurz nach der Enthüllung möglich sein, die ersten Auslieferungen folgen 2027. Preislich wird ein Einstieg von umgerechnet deutlich über 130.000 Euro erwartet.
Damit zielt Jaguar bewusst auf eine Lücke im Markt: Die deutschen Premiumhersteller enden preislich meist bei 120.000 bis 130.000 Euro, während Ultra-Luxusmarken wie Bentley oder Rolls-Royce kaum etwas unter 300.000 Euro anbieten. Das Management kalkuliert dabei nüchtern ein, dass nur rund 15 Prozent der bisherigen Kundschaft den Sprung in die neue Preisklasse mitgehen dürften.
Alles auf eine Karte
Der Type 01 ist mehr als ein neues Modell. Er ist eine Wette auf die komplette Zukunft der Marke. Eine Rückkehr zum Verbrennungsmotor hat Jaguar kategorisch ausgeschlossen, selbst einen Range Extender lehnt der Hersteller ab. Nach den Batterieproblemen des I-Pace, der einst als Elektro-Pionier gefeiert und später von Rückrufen überschattet wurde, darf sich die Marke technisch keinen Fehltritt mehr erlauben. Gelingt der Neustart, könnte Jaguar als exklusive Elektro-Luxusmarke eine profitable Nische besetzen. Scheitert er, gibt es keinen Plan B und genau diese Kompromisslosigkeit macht den Type 01 zu einem der spannendsten Autos des Jahrzehnts.
Quelle: Nytimes





